Über alte und neue Routinen oder auch „the new normal“

Manchmal vermisse ich sie schon, diese Routine. Den morgendlichen Spaziergang zur U-Bahn. Jeden Tag mit der gleichen Bahn. Immer dieselben Gesichter. Es herrscht eine Stimmung aus Müdigkeit und distanzierter Vertrautheit. Man grüßt sich nicht – so etwas macht man in einer Münchner U-Bahn nicht. Dennoch, es fällt auf, wenn wer fehlt. Man ertappt sich dabei, sich zu fragen, was nur mit dem glatzköpfigen Geschäftsmann los ist, der immer gleich rechts neben der ersten Waggon-Tür sitzt. Seit zwei Tagen ist dieser Platz leer oder anderweitig besetzt. Womöglich ist er krank… vielleicht liegt er aber auch gerade in der Südsee.

Wenn ich ehrlich bin, hasse ich U-Bahn fahren, ich mag es sogar noch weniger als frühes Aufstehen. Zumindest, wenn die U-Bahn gesteckt voll ist. Meine größte Motivation, morgens früh aus dem Bett zu kommen: auf der Suche nach einem Sitzplatz nicht erdrückt zu werden, damit ich in Ruhe Zeitung lesen kann. All das ist in den letzten Wochen kein Problem mehr. Seit 6 Wochen sitzen wir nun im Homeoffice. Und was soll ich sagen, das U-Bahn-Gewusel geht mir ab. Jeder Einzelne meiner Schulweg- … äh, Arbeitsweg-Kumpanen und unsere alte Normalität.

Seit 6 Wochen gehe ich jeden Tag zu Fuß zur Arbeit!

Exakt 13 Schritte sind es von meinem Bett ins Arbeitszimmer. Hat seine Vorteile. Seit 6 Wochen gehe ich jeden Tag zu Fuß zur Arbeit – kann ich damit meinen Vorsatz, mehr Sport in meinen Alltag zu integrieren, abhaken? Statt meine U-Bahn-Genossen in altgewohnter Manier freundlich zu ignorieren, schicke ich nun ein nettes Lächeln an meine ca. 80-jährige Nachbarin auf der anderen Straßenseite, die bereits am Frühstückstisch sitzt. Jeden Morgen, um die gleiche Zeit. Insgeheim bin ich mir sicher, dass sie meine Arbeitszeit akribisch protokolliert. Ich habe mich bei der Arbeit noch nie so überwacht gefühlt. Mindestens 3 Stunden am Tag verbringt sie mit Wäsche auf- und abhängen auf dem Balkon. Meinen Arbeitsplatz immer fest im Blick. Langsam schleicht sich der Gedanke ein, dass die Wäsche lediglich ein Alibi dafür ist, sämtliche Nachbarn auf Schritt und Tritt zu beobachten. Aber ich verstehe es ja, was soll man auch sonst den ganzen Tag tun?

Seit 6 Wochen sitzen wir nun im Homeoffice. Und was soll ich sagen, das U-Bahn-Gewusel geht mir ab.

Ich für mich bin jedenfalls froh arbeiten zu können, in dieser verrückten Zeit. Ich schätze, fürs erste werde ich auch noch weiterhin zu Fuß zur Arbeit gehen und mich unter den Argusaugen meiner Nachbarin an den Arbeitsplatz setzen. Routine ist schon so etwas komisches, man hasst sie, eigentlich. Und dann ertappt man sich dabei, sie doch ziemlich schnell zu vermissen. Zum Glück ist der Mensch ja anpassungsfähig und entwickelt alsbald eine neue. Ich für meinen Teil bin gerade sehr dankbar, dass diese trotzdem aus einem geregelten Tagesablauf besteht und Netflix noch nicht vollends die Macht über mein Leben übernommen hat.

von Lio


Bild Bahnnetz: grebeshkovmaxim | shutterstock.com

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