Artikel 2 unserer Serie „KI wirtschaftlich einsetzen“
Im ersten Teil dieser Serie haben wir gezeigt, warum der größte Hebel für den wirtschaftlichen Einsatz von KI nicht im Modell, sondern im Workflow liegt. Doch auch der beste Workflow beantwortet noch nicht die entscheidende Frage: Welche Aufgaben erfordern überhaupt einen KI-Agenten – und welche nicht?
Agentische KI ist derzeit eines der meistdiskutierten Themen der KI-Welt. Systeme planen eigenständig Aufgaben, greifen auf Werkzeuge zu, beziehen Informationen aus unterschiedlichen Quellen ein und arbeiten Schritt für Schritt auf ein Ziel hin. Kaum eine Produktankündigung kommt heute ohne KI-Agenten aus.
Die Begeisterung dafür ist nachvollziehbar.
Sie führt allerdings auch dazu, dass viele Unternehmen die falsche Frage stellen.
Nicht:
„Wo können wir einen KI-Agenten einsetzen?“
Sondern:
„Welche Aufgabe rechtfertigt überhaupt einen KI-Agenten?“
Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob KI Prozesse vereinfacht – oder lediglich neue Komplexität schafft.
Agentische Systeme gehören ohne Frage zu den leistungsfähigsten Werkzeugen, die Unternehmen heute zur Verfügung stehen.
Sie können Aufgaben in Teilschritte zerlegen, Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführen, Werkzeuge nutzen und ihre nächsten Arbeitsschritte eigenständig planen. Damit gehen sie deutlich über das hinaus, was ein klassischer Chat leisten kann.
Doch genau hier liegt ein Denkfehler, den wir derzeit in vielen Projekten beobachten.
Die leistungsfähigste Lösung ist nicht automatisch die wirtschaftlichste.
Jede zusätzliche Ebene der Orchestrierung bringt auch zusätzlichen Aufwand mit sich. Mehr Kontext muss verarbeitet, mehr Werkzeuge aufgerufen, mehr Übergaben zwischen einzelnen Arbeitsschritten koordiniert und mehr Ergebnisse geprüft werden. Microsoft weist in seinen Architekturleitlinien für Agenten ausdrücklich darauf hin, dass mit steigendem Orchestrierungsgrad auch Koordinationsaufwand, Latenz und Kosten zunehmen. Deshalb sollte immer das niedrigste Komplexitätsniveau gewählt werden, das die fachliche Anforderung zuverlässig erfüllt.
Mit anderen Worten: Ein Agent ist kein Qualitätsmerkmal. Er ist ein Werkzeug.
Und wie jedes Werkzeug sollte er nur dann eingesetzt werden, wenn sein zusätzlicher Nutzen den zusätzlichen Aufwand tatsächlich rechtfertigt.
Viele Unternehmen betrachten zuerst die technischen Möglichkeiten. Dabei lohnt sich eine andere Reihenfolge. Bevor darüber entschieden wird, welche KI-Lösung zum Einsatz kommt, sollte zunächst geprüft werden, ob die Aufgabe überhaupt KI erfordert.
Nicht jede Automatisierung muss KI enthalten. Viele Geschäftsprozesse folgen klaren Regeln und lassen sich mit klassischen Workflows, Skripten oder Prozessautomatisierungen zuverlässig und vollständig deterministisch abbilden. KI kann dabei durchaus unterstützen – etwa beim Entwurf oder der Erstellung solcher Automatisierungen. Für ihre spätere Ausführung wird sie jedoch häufig gar nicht mehr benötigt. Das spart Token, reduziert Wartezeiten und sorgt für reproduzierbare Ergebnisse.
Erst wenn sich eine Aufgabe nicht sinnvoll mit festen Regeln beschreiben lässt oder Flexibilität im Umgang mit unstrukturierten Informationen gefragt ist, lohnt sich der Einsatz von KI. Darauf aufbauend stellt sich die nächste Entscheidung: Welche Form des KI-Einsatzes ist für diese Aufgabe die wirtschaftlichste?
Drei Fragen helfen dabei:
Erst wenn diese Fragen verneint werden können, wird agentische KI zur sinnvollen Option.
Das klingt selbstverständlich. In der Praxis erleben wir jedoch häufig das Gegenteil.
Weil Agenten derzeit als der nächste Evolutionsschritt gelten, wird Komplexität oft eingeführt, bevor sie überhaupt notwendig ist. Das Ergebnis sind beeindruckende Demos – aber Workflows, die im Alltag langsamer, schwerer steuerbar und unnötig teuer sind.
Im Unternehmensalltag lassen sich die meisten KI-Aufgaben erstaunlich einfach einordnen. Geht es um einen einzelnen Arbeitsschritt – etwa das Formulieren einer E-Mail, das Zusammenfassen eines Dokuments oder das Strukturieren erster Ideen –, reicht ein Chat-System häufig vollkommen aus.
Wird direkt im Zielsystem gearbeitet, etwa in Word, Outlook oder PowerPoint, sind integrierte KI-Funktionen meist die bessere Wahl. Sie unterstützen genau dort, wo die eigentliche Arbeit stattfindet – ohne zusätzliche Übergaben oder Medienbrüche.
Agentische KI entfaltet ihre Stärke dagegen erst dann, wenn Aufgaben mehrere Quellen, verschiedene Werkzeuge und aufeinander aufbauende Arbeitsschritte miteinander verbinden.
Typische Beispiele sind die Vorbereitung eines Workshops auf Basis verteilter Informationen, die Zusammenführung von Projektdaten aus unterschiedlichen Systemen oder die strukturierte Vorarbeit für umfangreiche Entscheidungsunterlagen. In genau solchen Szenarien kann ein Werkzeug wie Microsoft Copilot Cowork seine Stärken ausspielen – nicht als Ersatz für jede andere KI, sondern als Koordinationsschicht für komplexere Workflows.

Bis hierhin ging es um die fachliche Frage, ob eine Aufgabe überhaupt agentisch umgesetzt werden sollte. Ist diese Entscheidung gefallen, beginnt die nächste Ebene: Wie sollte ein solches System technisch aufgebaut sein?
Gerade hier entsteht häufig ein Missverständnis. Im Architekturdesign wird die Anzahl der eingesetzten Agenten manchmal mit dem Reifegrad einer Lösung gleichgesetzt. Nach dem Motto: Je mehr spezialisierte Agenten zusammenarbeiten, desto leistungsfähiger muss die Architektur sein.
Microsoft verfolgt jedoch einen anderen Ansatz. Multi-Agenten-Architekturen werden nur dann empfohlen, wenn ein einzelner Agent die fachlichen oder technischen Anforderungen nicht mehr zuverlässig erfüllen kann – etwa weil unterschiedliche Sicherheitsbereiche getrennt werden müssen, verschiedene Fachrollen eigenes Wissen oder eigene Werkzeuge benötigen oder die Komplexität eines einzelnen Prompts nicht mehr beherrschbar ist.
Aus technischer Sicht geht es also nicht darum, möglichst viele Agenten miteinander zu orchestrieren. Ziel ist vielmehr, Verantwortlichkeiten so aufzuteilen, dass das System wartbar, nachvollziehbar und zuverlässig bleibt. Jeder zusätzliche Agent erhöht schließlich auch die Zahl der Übergaben, Kommunikationswege und potenziellen Fehlerquellen.
Mehr Agenten sind deshalb kein Zeichen für eine modernere Architektur. Eine gute Architektur zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass sie nur so komplex ist, wie es die technische Anforderung tatsächlich erfordert. Jede zusätzliche Ebene der Orchestrierung erhöht nicht nur die Leistungsfähigkeit eines Systems, sondern auch den Aufwand für Betrieb, Überwachung, Governance und spätere Weiterentwicklung.
Fazit
Wirtschaftlicher KI-Einsatz beginnt mit der richtigen Werkzeugwahl
Agentische KI eröffnet Unternehmen neue Möglichkeiten. Daran besteht kein Zweifel. Ihr wirtschaftlicher Nutzen entsteht jedoch nicht dadurch, möglichst viele Agenten einzusetzen, sondern dort, wo ihre zusätzlichen Fähigkeiten einen echten Mehrwert schaffen.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, möglichst komplexe KI-Lösungen zu entwickeln. Sie besteht darin, für jede Aufgabe genau die Komplexität zu wählen, die fachlich und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Wirtschaftlicher KI-Einsatz bedeutet nicht, möglichst viel zu automatisieren. Er bedeutet, Komplexität bewusst zu steuern und für jede Aufgabe das passende Werkzeug einzusetzen.
Nicht jede KI-Aufgabe braucht einen Agenten. Aber jede Aufgabe braucht das richtige Werkzeug.
Im dritten Teil unserer Serie geht es um die nächste praktische Frage:
Welches KI-Werkzeug übernimmt eigentlich welchen Arbeitsschritt – und wie entstehen daraus effiziente und wirtschaftliche KI-Workflows?
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